Filmeinung „Labour Day“

Mehr oder weniger passend zum Memorial Day kommt jetzt meine Meinung zum Film „Labor Day“ (Trailer). Während ersterer hier in den USA den inoffiziellen Sommeranfang markiert, leutet letzterer den Beginn des Herbsts ein. Beide gehen mit einem langen Wochenende, viel Patriotismus und BBQs einher. Eine „Geiselnahme“ hatte ich am Labor Day letztes Jahr nicht, im Gegensatz zu Kate Winslet im Film…

Sonne

Der letzte Film, den ich mit Kate Winslet gesehen habe, war „der Vorleser“. Auch dieser war schon sehr sinnlich und körperlich, er kam ohne viele Worte aus. Die Beziehungen der Charaktere zeigten sich mehr durch Blicke, Gesten, Berührungen. Allerdings spielt sie in den Filmen völlig unterschiedliche Personen. Im Vorleser, wo sie eine Affäre mit einem Teenager hat, hat sie eine harte Schale, gibt den Ton an, ist bestimmend, lässt ihre Gefühle, Sorgen, Geheimnisse nicht an die Oberfläche kommen. Auch Adele, die Protagonistin in Labor Day, ist in gewisser Weise verschlossen. Von ihrem Mann verlassen, ist ihr einziger Kontakt ihr 13-jähriger Sohn. Wer sie sieht, wenn sie in einem seltenen Moment das Haus verlässt, merkt aber sofort, dass etwas nicht stimmt. Sie ist ängstlich, steht unter permanenter Anspannung, ihre Hände zittern. Jeder Schritt, jede Bewegung ist eine schier unüberwindbare Hürde. Kate Winslet ist nicht nur Adele, sie ließ mich auch beim Zuschauen zu ihr werden. Ihre abgehakten Bewegungen, ihre zitternde Stimme, ihr stilles Leiden sind nicht lächerlich oder übertrieben sondern absolut nach- und mitfühlbar, was den Anfang des Films trotz weiter, sonnenbeschienener Landschaften unheimlich beklemmend macht.

Park

Dann ist da ihr Sohn, Henry, der mir im Trailer nicht zu sehr aufgefallen ist, der aber der Erzähler der Geschichte ist. Er ist ein sehr eigenständiger Charakter, am Beginn der Pubertät, voller persönlicher Konflikte, der durch diese seine Mutter und die Ereignisse des Labor Day Wochenendes beobachtet. Der Film ist sehr konsequent darin, Henrys Sicht der Dinge zu zeigen, ihn zum Zentrum der Geschehnisse zu machen, obwohl er das in einer Inhaltsangabe wohl nicht wäre. Das gibt dem Film allerdings eine ganz andere Vielschichtigkeit, bringt Gedanken und Impulse ein, die die „Erwachsenenperspektive“ so nicht geschafft hätte.

Nähladen

Frank, der Mörder, Geiselnehmer, Liebhaber ist für mich nicht so herausgestochen wie Adele und Henry. Natürlich bringt er die Dinge ins Rollen, hat eine bewegte Vergangenheit, blieb mir aber auch am unklarsten. Über seine Motive grübelt man am meisten nach. Was war sein Verbrechen? Wie kam es dazu? Wie geht er damit um? Warum ist er ausgebrochen? Warum sucht er Adele und Henry als seinen „Schutz“? Gleichzeitig baut man – zusammen mit Adele – unheimlich schnell eine Beziehung, Anziehung und Faszination zu ihm auf. Man bewundert ihn, seine Art, mit Henry umzugehen, seine Koch- und Backkünste, seine ungreifbare Persönlichkeit. Und gleichzeitig fürchtet man um ihn, traut ihm zwar nicht, sieht ihn aber auch nie so wirklich als Bösewicht…

Neben den Personen spielten für mich (als in Amerika lebende Deutsche), die USA eine klare Hauptrolle. Labor Day, die Natur in New Hampshire, oberflächlich freundlich-besorgte Nachbaren und Angestellte, überbehütete Kinder, der Stil des Hauses und der Supermärkte, die verwendete Zuckermarke. Ich schaute den Film mit einem anderen Au Pair und uns beiden wurde überdeutlich bewusst. Das könnte hier passieren (auch wenn der Film in den 80ern spielt). Das sind die USA wie wir sie kennen. Mein Zuhause. Oder zumindest ein Zuhause…

Townhall

Ich habe ja schon geschrieben, dass die Geschichte aus Henrys Sicht erzählt wird, davon gibt es allerdings eine Ausnahme. Die Rückblenden. Ich bin ein absoluter Fan von Rückblenden, liebe Geschichten auf mehreren Ebenen, den Zug in die Vergangenheit. Aber in diesem Film sind sie noch mehr als das. Ich glaube ich habe Flashbacks selten oder nie so gut eingesetzt gesehen wie in Labor Day. Anfangs war mir gar nicht bewusst, dass es sich um Rückblenden handelte und um welche. Sie beginnen als Märchen, in sanften Farben und voller Liebe und werden immer mehr zum Alptraum, erst andeutend, dann deutlicher und nicht mehr zu übersehend. Einige Bilder werden wiederholt, brennen sich ein und sind gleichzeitig jedes Mal in ein anderes Licht getaucht, in einen neuen Zusammenhang verstrickt. Die Geschichte, die sich entrollt ist nicht neu, nicht kompliziert. Aber wir erleben sie, wie die Person, der sie passiert ist, deren Leben sie zerstört und für immer verändert hat. Wir sehen, wie das Märchen Risse bekommt, bis nur noch Chaos und Schwärze übrig sind…

Fluss

Bevor ich zu gar keinem Ende komme noch ein kurzer Vergleich zum Trailer, dann habt ihr es geschafft: Der ist definitiv dramatischer als der Film, da er natürlich viel vollgepackter mit Ereignissen ist. In Labor Day stehen die Emotionen im Vordergrund, sie füllen den Film auch über seine Dauer hinaus aus. Die einzelnen Ereignisse sind da nur Träger, sie geben den Gefühlen und Gedanken Bilder, aber sie gehen selten über Alltägliches hinaus, was alles, das unter der Oberfläche vor sich geht, umso erschreckender macht. Der Film hat keinen großen Knall, keinen Ausbruch, was ihn umso authentischer und ungewöhnlicher macht. Gleichzeitig spielt er nur an vier Tagen, eben dem Labor Day Wochenende, in denen sich Leben entrollen, Welten einstürzen und neu entstehen. Es ist hoffnungsvoll und gleichzeitig erschreckend, was Menschen in so kurzer Zeit passieren kann, wie sich für sie und den Rest ihres Lebens alles ändern kann.

Ich denke es ist relativ offensichtlich, aber Labor Day hat mich absolut eingenommen, mitgerissen und wird mich so schnell nicht mehr loslassen. Auch wenn er wohl nicht für jeden was ist, deshalb bin ich auf Meinungen gespannt!

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