Die helle Seite der Einsamkeit

Einsamkeit ist kein schönes Wort. Einsamkeit klingt traurig, allein und deprimierend. Muss sie aber gar nicht sein. Einsamkeit kann auch Ruhe bedeuten, Entspannung, sich auf sich selbst zu fokussieren und kreativ zu sein. Seit etwas über zwei Wochen bin ich mit meiner Gastfamilie in South Carolina. Nach über vier Monaten wieder. Das klingt nach keiner allzu langen Zeit, reicht aber, wenn man Au Pair ist, um fast alle Freunde zu verlieren, die die USA inzwischen verlassen haben. Dazu gesellen sich dann noch Collegeferien für die Studenten, die ich hier kenne und Besuch aus der Heimat für eine andere Freundin. Und schon bin ich allein. Einsam.

20141225_152621

Aber Einsamkeit bedeutet für mich im Moment vor allem auch eins: Zeit. Zeit zu schlafen, Zeit zu lesen, Zeit für mich. Und vor allem Zeit kreativ zu sein. Zeit zu schreiben, all die Gedanken aus mir herausfließen lassen, die sonst in einem Wirbel aus Kindern, Aktivitäten, Ausflügen, Reisen, Freunden, und so weiter untergehen… Als Au Pair ist zuhause immer was los, Zeit für mich bedeutet oft, das Haus zu verlassen und wird dadurch meist zu Zeit mit Freunden.

20141225_164708

Das hält mich beschäftigt. Ich lebe im Moment, plane oft nur bis zum nächsten Urlaub und denke nicht tiefer nach. Nicht über die Zukunft, Heimweh, die Menschen, die ich vermisse. Ich mache einfach weiter, stolpere von einem Abenteuer/Chaos ins Nächste und schon ist wieder ein Tag, eine Woche oder sogar ein Monat vergangen. Ich genieße dieses Gefühl, beschäftigt zu sein, viel zu tun zu haben, viel zu erleben, auch mal überwältigt zu sein. Ich bin inzwischen an schnelle Wechsel und viele Umzüge gewöhnt. Daran, dass ich morgens nie weiß, was bis zum Abend passieren wird. Mir fällt schnell die Decke auf den Kopf, ich will nicht rumsitzen, nichts tun ist mir ein Graus.

20141225_155909

Bis ich es dann doch mal tun muss. Denn plötzlich sind nach einem lauten und turbulenten Tag die Kinder im Bett, die Gasteltern unterwegs, die Lunches vorbereitet, die Wäsche gefaltet, die Lieben in Deutschland schlafen und da bin nur ich. Was jetzt? WLAN gibt es in unserem Haus in South Carolina keins; Youtube, Netflix und andere virtuelle Freunde fallen also raus. Und ich habe eben besagte Zeit. Um darüber nachzudenken, wer ich bin, wenn ich alleine bin und keine Verpflichtungen habe. Was ich gerne tue, wie ich meine Zeit nutzen will, wie das einsam sein für mich schön wird. Und ich habe das herausgefunden. Ich schreibe. Blogposts wie diesen hier, Tagebuch, Geschichten, und, und, und… Da hat sich so viel angestaut, so viele Ideen wollen raus, schwarz auf weiß vor meinen Augen tanzen. Und jetzt habe ich die Zeit und den Raum dafür. Und ich genieße es.

20141225_164654

Und sollte doch mal Ideenknappheit herrschen? Dann ist es meine zweitliebste Beschäftigung, mich wieder zu inspirieren und zu motivieren. Durch Bücher. Filme. Kunst. Träume. Sport. Und wenn es sich anbietet auch wieder durch andere Menschen, durch meine Gastkinder und –eltern, durch Freunde, durch Fremde. Gesellschaft, die ich nach ein bisschen Einsamkeit einerseits wieder viel mehr zu würdigen weiß. Andererseits aber auch erkenne, dass ich nicht auf sie angewiesen bin. Lieber allein als in schlechter Gesellschaft. Manchmal sogar als in guter. Denn ich bin mir (oft) selbst genug, brauche andere nicht, um glücklich zu sein und eine gute Zeit zu haben. Als ich mich das erste Mal hier in South Carolina ungekannt und einsam fühlte, war das ein Schock. Es war ein vollkommen neues und beängstigendes Gefühl. Inzwischen ist es vertraut, ich brauche diese Phasen der Einsamkeit und mag sie. Und sie geben mir Mut. Mut auf neue Leute zu zugehen. Neue Freundschaften zu schließen. Aber auch mein eigenes Ding zu machen. Allein ins Kino zu gehen. Oder alleine zu reisen. Nur mit mir. Denn das ist oft genug.

Bis bald, Franzi

Advertisements

2 Gedanken zu “Die helle Seite der Einsamkeit

  1. Richtig schön geschrieben. Du hast total Recht, so war es bei mir auch. Ich habe 2015 3 Monate in den USA gelebt und da auch gelernt, mit mir selbst zufrieden zu sein, auch mal was alleine zu unternehmen, nicht auf andere angewiesen zu sein. Ich habe gelernt, selbstständig zu sein (auch, wenn das mittlerweile wieder etwas nachgelassen hat, haha :D). Kann dich also echt verstehen. Ich war zwar in der Schule immer von Leuten umgeben, aber habe nicht immer an den Wochenenden etwas mit Leuten unternommen, sondern bin auch mal alleine in die Mall gegangen, wenn meine Gastfamilie oder Freunde keine Zeit hatten.

    Ganz liebe Grüße,
    Krissisophie von the marquise diamond
    http://themarquisediamond.de/

    Gefällt 1 Person

Was denkst du?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s