Filmeinung „Brooklyn“

Home is where … is. Es gibt unendlich viele Abwandlungen dieses Spruchs, unendlich viele Definitionen dieses kleinen Wortes, das uns doch oft ausmacht. Home. Zuhause. Das ist es, wo wir leben, glücklich sind, uns geliebt fühlen. Zuhause ist mal ein Ort, mal eine Person, mal nur ein Gefühl. Manchmal haben wir ein Zuhause, manchmal mehrere und dann fühlt es sich auch mal an als hätten wir gar keins. Eilis Lacey, die Protagonistin in Brooklyn, durchwandert all diese Stufen und ich habe das mit ihr getan. Nicht nur im Film, sondern tatsächlich auch in den letzten Jahren. Das ist wohl ein Grund, warum mir der Film so unendlich gut gefallen hat, warum er mich so mitgenommen hat, auf Wolke sieben katapultiert und mir das Herz gebrochen hat. Ich habe nicht nur die Geschichte einer jungen Frau gesehen, die wunderbar gespielt und inszeniert war und mit der ich mich deshalb identifizieren konnte. Ich erlebte meine eigenen Gefühle, Gedanken und Erfahrungen in der Reise einer anderen.

Brooklyn Bridge und River

Eilis Geschichte beginnt mit einem Traum: Dem Traum rauszukommen, ihr beschränktes irisches Dorf zu verlassen, in die Welt zu ziehen und erfolgreich als Buchhalterin zu sein. Schon als aus diesem Traum langsam ein Ziel wird, spätestens als das Schiff den irischen Hafen auf dem Weg nach New York verlässt, ist dieser Wunsch aber nicht mehr nur traumhaft sondern vor allem auch beängstigend. Ungekannte Herausforderungen lauern auf dem Schiff, bei der Einreise und schließlich in Eilis neuer „Heimat“, Brooklyn. Das Mädchen, das die Welt erobern wollte, wünscht sich plötzlich nur noch „an irish girl in Ireland“ zu sein. Das Heimweh, die Einsamkeit und Unsicherheit überschatten die Tatsache, dass gerade ein Traum Wirklichkeit wird. Eilis vermisst ihr Zuhause – das zu diesem Zeitpunkt noch ihre Mutter, ihre Schwester und Irland sind – aus vollem Herzen. Schluchzt über Briefen aus der Heimat und geht mit Tränen in den Augen durch den Alltag.

Brooklyn Hights.

 

 

Nichts scheint Sinn zu machen, der Traum gescheitert. Aber Eilis macht weiter und trotz Heimweh beginnt sie auch in Brooklyn zu leben. Sie besucht Buchhaltungskurse, unterstützt die Kirche, lernt Leute kennen und geht aus. Die Tränen sind inzwischen aus ihren Augen verschwunden, aber zu lächeln beginnt sie erst, als sie sich verliebt. In einen italienisch-amerikanischen Jungen, der irische Mädchen sehr mag, der ihr das Gefühl gibt, geliebt zu werden und damit auch ein kleines Zuhause, ein Band, das sie an dieses Neue leben bindet. In einem ihrer Briefe gesteht sie, dass sich nun die Hälfte ihres Lebens in Brooklyn befindet und immer mehr kommt dazu. Sonnenbrille und Badeanzug für den Ausflug nach Coney Island, das bestandene erste Semester, berufliche Erfolge, das schönere Zimmer. Und natürlich die wachsende Zuneigung zu Tony, dem italienischen Boyfriend.

20141005_131212

Aber man kann nicht alles haben. Die Zeit bleibt auch in Irland nicht stehen, Eilis Liebste dort leben weiter, verloben sich, arbeiten, schreiben Briefe. Sterben. Die alte Heimat ruft sie zurück, wieder aufs Schiff, wieder diese Mischung aus Vorfreude, Angst und Unsicherheit. Zurück in Irland ist wenig verändert, außer Eilis selbst. Neue Erfahrungen geben ihr einen anderen Blick auf das Land, die Menschen, ihre Zukunft. Sie hat Freunde in Irland, ihre Familie, einen Job und vielleicht sogar eine neue Liebe. Die Erinnerungen an das neue Leben, die zweite Heimat werden unwirklich, sind so weit entfernt. Überlagert von Vertrautem, Ruhe und wohl auch etwas Bequemlichkeit. Es ist so viel einfacher zu bleiben. Zwar ein anderes Leben, als sie es sich für sich selbst vorgestellt hat, aber vielleicht ja sogar ein besseres?

Briefe aus Brooklyn bleiben zunächst ungeöffnet, doch die Erfahrung, die Erinnerung, die Bande, die sie an ihre neue Heimat binden, können nicht ignoriert werden. Was soll es sein? Der Traum vom doch nicht so glamourösen New York? Die Beschränktheit des irischen Dorfes? Der baseballliebende Italiener? Oder der bei den Eltern lebende Ire? Für den Lebenstraum kämpfen oder ihn loslassen? Wer will sie sein, wo leben? Die Möglichkeiten sind da, zwei Zuhause, die nebeneinander existieren, aber nur eines kann letztendlich bestehen.

20150530_205627

Eilis entscheidet sich, trifft meiner Meinung nach die perfekte Entscheidung, was den Film zu einem wunderschönen, aber auch herzzerreißendem Ende bringt. Der Kreis schließt sich, Eilis wird nicht die erste sein, die von der Zukunft in New York träumt und auch sicher nicht die letzte. Auch wenn ich nicht seekrank in den USA ankommen musste, auch wenn ich durch WhatsApp und Skype nicht auf verspätete Briefe angewiesen bin – die Gedanken dieses irischen Mädchens in den 50ern waren so oft meine eigenen. „I’d imagined a different life for myself.” „I don’t know if I still have a home.“ “I wish that I could stop feeling that I want to be an Irish girl in Ireland.” “Tony has helped me to feel that I have a life here I didn’t have before I met him.” “One day you’ll catch yourself thinking about something or someone who has no connection with the past, and you’ll realize that this is where your life is.”

Es ist nicht einfach zu gehen, ein Zuhause, einen geliebten Ort, geliebte Menschen zurückzulassen. Es ist nicht einfach, fremd zu sein, mit nichts anzufangen, sich ein neues Leben auszubauen. Aber das ist wohl der Preis, den man zahlt, wenn man seine Träume wahr machen will. Und der ist es wert. Mir zumindest.

Bis bald, Franzi

Advertisements

Was denkst du?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s