Filmeinung – Das Mädchen mit dem Perlenohrring

“You looked into me.” Ein Film über den Blick eines Malers, mit dem Blick eines Malers. Ein Film, der nicht von großen Worten lebt, sondern von den klaren Farben Vermeers, von Licht und Schatten, Gesten und Details, Ausdrücken und Blicken. Man traut sich kaum zu blinzeln, um ja keinen Moment zu verpassen. Jede Szene wirkt im positivsten Sinne komponiert, kein Detail fällt aus der Komposition heraus. Jeder Moment ein Gemälde und das gebettet in eine perfekte Umgebung.

Mary Cassatt
Mary Cassatt – was sieht sie, woran denkt sie?

Die Obstschale steht in der richtigen Ecke, der Vorhang fällt makellos drapiert. Die Kleider verraten sofort, was für eine Art Mensch da in ihnen steckt – ist es die reiche Herrin des Hauses oder die schäbige Dienerin? Üppige Seide oder abgenutzte Wolle verraten sie… Dann ist da natürlich noch das Licht – klar und erhellend, oder mystisch im Schatten, es ist das i-Tüpfelchen des filmischen Gemäldes.

Edith Wharton
Edith Wharton – ein Kind und schon voller Schönheit und Weisheit.

Die Handlung des Films ist ruhig, die Geschichte wirkt auf den ersten Blick sogar etwas langweilig. Der Film startet langsam und distanziert, doch nach und nach verschmilzt der Zuschauer immer mehr mit der stillen und doch stolzen Griet. Mit ihr geraten wir in den Bann der Malerei und des Malers. Wir spüren die Faszination, wie aus dem Nichts Schönheit wird, wie ein Moment für die Ewigkeit gebannt wird, wie er sieht, was anderen nicht ins Auge fällt und dies sichtbar macht.

Lillian Wald
Lillian Wald – nicht klassisch schön, aber dadurch nicht weniger interessant und faszinierend.

Der Maler ist hier ein Künstler auf allen Ebenen, von der Herstellung der Farbe zur richtigen Szenerie und dem Modell bis zum Prozess des endgültigen Malens muss alles stimmen. Er sieht die Dinge nicht unbedingt, wie sie sind, sondern wie sie sich anfühlen. Für ihn und seine Modelle. Dadurch wird aus Alltag Magie. Aus Unscheinbarkeit Schönheit. Aus Realität Kunst.

Consuelo Vanderbilt
Consuelo Vanderbilt – königlich und stolz, aber wie sieht ihr Sohn sie?

So unscheinbar wie die Handlung ist auch Griet selber: äußerlich die demütige Dienerin. Ein machtloses, junges Mädchen. Stets unterlegen, von Angst und Unsicherheit erfüllt. Sie scheint ein Spielball ihres Schicksals zu sein, ihrer Eltern und Herrschaften. Als arme in der Hand der Reichen, als junge in der Hand der Alten. Doch das ist nur ein Teil, nur eine Facette dieses Mädchens. Denn so demütig wie sie ist, ist sie auch klug und stark. Sie ist so mutig, wie sie es sein kann, ohne rebellisch zu werden. Bleibt immer würdevoll und elegant, auch ohne Schmuck oder Prunk. Ihre Schönheit kommt von innen heraus, von den Werten, für die sie steht und die sie lebt.

Elegant Woman
An Elegant Woman – aber was ist ihre Geschichte?

Diese Werte und Grundsätze gibt sie nicht auf, verändert dadurch in kleinem Rahmen ihre Welt. Sie lässt nicht alles mit sich machen, weiß, wer sie ist und hält daran fest. Ihr Wille hebt sie ab in einer Welt, in der Frauen nur schön und stumm sein sollen. Er bringt ihr den tieferen Blick des Malers ein, macht sie für ihn interessant, gibt ihr Macht. Sie ist nicht nur Muse oder Modell, wird auch Schülerin, Assistentin, Kritikerin. Sie fühlt sich ebenbürtig und wird auch so behandelt. Doch mit ihrer Stärke kommt auch die Versuchung. Ihre Unabhängigkeit bringt den Wunsch, sie einzunehmen, vielleicht sogar zu brechen.

Jeanne Cartier
Jeanne Cartier – tatsächlich so bunt und schillernd oder „nur“ in den Augen Moras?

Wie lange wird sie an ihrer Moral, an ihren Werten festhalten können? Will sie das überhaupt noch? Versuchung, Anziehung und Spiel laufen auf eines hinaus, spitzen sich zu einem Moment, einer Entscheidung zu. Dieser Moment, in dem sie für ihre Werte ihre Gefühle aufgibt oder andersherum, wird alles bedeuten. Er wird ihr Leben verändern, ihr Schicksal beeinflussen. Wird er sie retten? Oder ins Verderben stürzen? Und wird es letzteres wert sein?

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Aus Griet wird in den Augen Vermeers das Mädchen mit dem Perlenohrring – Quelle: schoebel-net.de
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