Minimalismus – Kunst oder weg?

Minimalismus – ein Wort, mit dem ich mich vor etwa zwei Jahren noch so gar nicht identifizieren konnte und das inzwischen doch eine ziemlich große Rolle in meinem Leben spielt. Das wurde mir heute beim Aufräumen von Kindersachen – Lieblingsbeschäftigung am Montag nach einem freien Wochenende – mal wieder bewusst. Deshalb teile ich mal ein paar Gedanken dazu, was Minimalismus (inzwischen) für mich bedeutet und welchen „Kram“ ich trotzdem brauche.

Die Geschichte

„Hast du deinen Schreibtisch aufgeräumt?“ Eine sehr beliebte Frage meiner Eltern, die sich gefühlt durch meine ganze Kindheit  zog und immer mit einem leicht leidenden Tonfall einherging. Und von mir meist mit verdrehten Augen beantwortet wurde. Denn mein Schreibtisch war und ist das Zuhause von Kreativität, Gedanken, unterschiedlichster Projekte – und dementsprechend voll. Manche würden sagen zugemüllt. Bis ich mich allerdings dazu überwinden konnte, ein mit Liebe angefertigtes Teil einfach wegzuschmeißen, dauerte es so seine Zeit und bis dahin sammelte sich dann eben einiges an. Ähnliches ereignete sich je älter ich wurde auch mit Bücherregal, Kleiderschrank, Kommoden, Postkartensammlungen, Schminktisch, und, und, und… Dementsprechend erschreckend war auch die Vorstellung mit einem Koffer und Handgepäck für ein Jahr in die USA zu gehen und dort – quasi mit nichts – zu leben.

Momente statt Dingen

Knapp zwei Jahre später. Wieder steht mir großes Packen bevor. Denn der eine Koffer muss wieder zurück nach Deutschland, in ihm das Leben, das ich mir in den letzten Monaten mit fast nichts aufgebaut habe. Meine Gefühle dem Packen gegenüber könnten diesmal aber nicht unterschiedlicher sein. Das Motto: was nicht reinpasst, wird halt hiergelassen. Eine wichtige Rolle spielt dabei wohl die Tatsache, dass inzwischen das Packen zu meinem zweitliebsten Hobby wurde und ich mehr oder weniger ständig aus dem Koffer lebe. Ein T-Shirt vergessen? Na und? Da wird das eine, das man dabei hat, eben mehrmals angezogen und ein bisschen häufiger gewaschen. Der zweite Grund für meine minimalistische Packhaltung ist wohl die Tatsache, dass ich entgegen meiner Erwartungen im Land von Target und Outlets gar nicht so viel geshoppt habe. Mein Au Pair Gehalt findet sich in Flügen, Hostels, Restaurants, Fotodrucken, Scrapbookmaterial, Museen, Konzerttickets, Erlebnissen… In meinen Koffer werden daher als erstes Souvenirs, Kinderbilder, Karten, Scrap- und Tagebücher und andere Erinnerungen wandern. Und danach, wofür noch Platz ist. Denn darauf kommt es nicht an.

Brauchen wir überhaupt noch etwas?

Gerade genug Klamotten, um nicht zu erfrieren und das wars? Alles, das nicht mehr gebraucht wird, in die Tonne? Für so viel Minimalismus bin ich dann doch zu sentimental. Denn auch wenn es oberflächlich betrachtet nur Kram ist, hängt an vielem doch so viel mehr. Erinnerungen, Momente, Glück. Das Shirt aus dem letzten Urlaub, die Bilder meiner Gastkinder, Weihnachts- und Geburtstagskarten voller lieber Worte, die Schneekugel von einer meiner besten Freundinnen hier, mein Armband mit Anhängern zu den Staaten, in die ich gereist bin,… Sie alle sind so viel mehr als Dinge, Kram, Ballast. Denn sie machen mich aus, erinnern mich an Menschen und Erlebnisse, die mir unheimlich viel bedeuten. Und das bedeutet für mich auch Minimalismus: So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Es muss nicht das zwanzigste H&M Shirt sein oder das fünfzehnte Paar Schuhe. Denn wenn es jeweils nur eins ist, wird dieses so viel wichtiger, wertvoller, durchdachter. Nicht austauschbar, sondern einzigartig und mit Erinnerungen verbunden.  Kein Kram, sondern ein Teil von mir und meinem Leben.

Das muss natürlich nicht für jeden funktionieren und ich kann absolut verstehen, dass man sich gerne mit schönen (unnötigen) Dingen umgibt, allerdings macht es (mich) glücklicher, mich bei diesen zu beschränken, wodurch sie einerseits wichtiger werden, andererseits mehr Geld und Energie für das bleibt, was mir wirklich wichtig ist. Und das sind inzwischen eben keine Klamotten oder Nagellacke mehr.

Bis bald (dann weniger minimalistisch mit Fotos), Franzi

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2 Gedanken zu “Minimalismus – Kunst oder weg?

  1. Ein wunderbarer Text! Ich bin ganz & gar versunken, konnte nicht aufhören zu lesen -sehr, sehr schön geschrieben :-)

    Es motiviert mich, meinen Schreibtisch von den Klamottenbergen zu befreien & gründlich auszumisten, bevor meine Reise los geht. 💪 just do it. Alles Liebe, Anni

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