Filmeinung – Raum. Von der kleinen und der großen Welt…

„This life is so complicated until we see it through the eyes of a child“

Jacks Leben ist simpel: Es besteht aus einem Waschbecken, einem Bett, einem Schrank (der manchmal auch zum Bett wird), einer Lampe, einem Stuhl, einem Tisch, einer Toilette, einem Fernseher,… alle Teil von Raum. Dem einzigen Ort, den Jack kennt.

Zwei Menschen kennt Jack – außer denen im Fernsehen. Old Nick, allerdings nur durch einen Spalt in der Schranktür. Und seine Mutter. Joy, die ihn bedingungslos liebt, ihm aus dem Nichts, das sie hat, alles macht und gibt und ihm die Welt erklärt. Die echte Welt, Raum. Und die andere Welt, die sich hinter dem Dachfenster und auf dem flackernden Bildschirm des Fernsehers befindet.

So simpel ist Jacks Leben. Und doch so viel komplizierter als wir es uns vorstellen oder wünschen könnten. Da ist das Kind Jack, der kleine Junge, der in Tränen ausbricht, weil er auf seinem Geburtstagskuchen keine Kerzen hat. Der von einem eigenen Hund träumt. Der stundenlang mit seinem einzigen Spielzeug, einem Auto, spielt und Haushaltsgeräte zu Drachen macht.

Da ist aber auch der Jack, der jeden Abend die Angst in den Augen der Mutter sieht, wenn Old Nick den Raum betritt. Der mit ansieht, wie sie ihn um Lebensmittel anbetteln muss, sie ins Bett gehen. All das, um ihn von Jack fernzuhalten. Und als ob das nicht schon schwierig genug wäre, wird er dann fünf. Und alles ändert sich.

Seine Mutter erzählt ihm die unglaubliche Geschichte, dass die Fantasiewelt im Fernseher, die Realität sei. Dass Raum nicht alles sei, keine glückliche und sichere Welt sondern ein Gefängnis. Eine Falle, in die seine 17-jährige Mutter gelockt wurde und die sie seitdem nicht mehr verlassen konnte. Jacks Reaktion: „I want to be 4 again.“ Und „I want a different story.“ Man kann es ihm nicht übel nehmen.

Jacks Leben, Gedanken und Ansichten wirken abstrakt, schwer zu begreifen. Durch die ebenso abstrakte Kameraführung und die grandiosen Schauspieler werden allerdings auch Äste, Pancakes und Treppen völlig neu, exotisch, sogar gefährlich. Der Film entfaltet sich durch Jacks Augen, wie er die Welt sieht. Aber auch wie er seine Mutter sieht.

Ihre Geschichte und Charakter offenbaren sich erst nach und nach. Vieles wurde mir sogar erst bewusst, als der Bildschirm schon erloschen war. Die 17-Jährige, ein Mädchen, das alles vor sich hat und durch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft alles verliert. Die ganz am Boden ist, keine Hoffnung mehr hat und sich dann doch wieder hochkämpft. Die für ihr Kind nicht aufgibt, einen höflichen, kreativen, gesunden und klugen Jungen aufzieht. Die nichts für sich selbst behält, um alles für ihn sein zu können. Die jede Demütigung erträgt, immer weiter kämpft, nur noch aus Mutterliebe zu bestehen scheint. Das einzige, was im Raum von ihr übrig bleibt. Aber was passiert draußen mit ihr? Wie soll diese Frau, die Mutter, die Kämpferin, jemals wieder in die Welt des 17-jährigen Mädchens passen? Wie soll irgendjemand verstehen, wer die neue Joy ist, was mit ihr passiert ist? Und wie wird sie selbst das verstehen?

Neben dem Portrait dieser unfassbar starken Frau ist der Film auch die Entdeckung, dass die Welt so viel größer und weiter ist, als man es sich in eigenen vertrauten Blase vorstellen könnte. Dass es egal wie groß das Leben, der Raum ist, den wir kennen, immer Neues, Beunruhigendes geben wird. Die Welt wird immer noch größer werden, wir werden sie nie ganz verstehen können und uns doch immer wieder neu und oft auch allein mit ihr auseinander setzen müssen. Sie fürchten und sie lieben lernen.

Vor allem zeigt Raum, dass das Alleinsein – egal ob zum sich selbst wieder kennen lernen oder zum Welt entdecken – nicht reicht. Wir brauchen andere Menschen. Menschen, die wir lieben. Menschen, die uns erden und die uns helfen zu verstehen, wer wir sind. Und Menschen, die uns Flügel verleihen, mit uns rausgehen und dieser Welt etwas von ihrem Schrecken nehmen. Egal ob diese einen Raum oder sieben Kontinente umfasst.

Bis bald, Franzi

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