Leseliebe „The Goldfinch“

„Maybe one had to be lost, for all the others to be found.“

Vielleicht musste eines verloren sein, um all die anderen finden zu können.

„The Goldfinch“ bzw. „Der Goldfink“ von Donna Tartt ist eines der besondersten Bücher, die ich jemals gelesen habe. Oder vielmehr gehört, ich hatte es nämlich als Hörbuch ausgeliehen. Aufgrund der Länge begleitete es mich über Wochen hinweg, ganz losgelassen hat es mich aber auch jetzt – zwei Monate nachdem ich damit fertig bin – immer noch nicht.

Denn Theo Decker, der Protagonist, dessen Werdegang wir von seinem 13. Lebensjahr an  begleiten, wurde in den über 32 gemeinsamen Hörbuch Stunden einfach zu einem Teil von mir. Ich würde nicht sagen, dass ich zu Theo wurde, denn eine gewisse Distanz blieb da schon noch zwischen uns. Ein bisschen fühlt es sich aber an, als wäre er mein Bruder oder ein sehr, sehr enger Freund. Ich kenne ihn, manchmal vielleicht sogar besser als er sich selbst, weiß, wie er tickt, was ihn antreibt. Ich sehe seine Welt durch seine Augen. Und trotzdem sehe ich auch das Unglück, das hinter der nächsten Kurve auf ihn wartet, will ihn stoppen und davor bewahren – greife aber wie ein Schatten ins Leere.

Mal wieder möchte ich nicht zu viel zur Handlung vorweg nehmen, nur so viel: Der junge Theo wird durch Zufall (gibt es den überhaupt?) in einen schrecklichen Vorfall in einem Kunstmuseum verwickelt. Dieser verändert und prägt sein Leben für immer. Er verliert die wichtigste Person in seinem Leben und gewinnt neue hinzu. Er begegnet einer oder mehreren großen Lieben. Er ist plötzlich ganz allein und muss seinen Weg finden. Und er geht unabsichtlich (gibt es das überhaupt?) eine ganz besondere Beziehung zur Kunst ein. Eine Beziehung, die ihn nie wieder loslassen wird und auch dieses Buch durchzieht.

Einerseits ist „The Goldfinch“ ein Kunstwerk. Es folgt einer perfekten Komposition, die wir erst am Ende angelangt, völlig wahrnehmen und würdigen können. Jede Schicht, jedes Detail, jedes Symbol, jedes Wort ist handverlesen und perfekt in die Komposition eingefügt. Das Buch ist unheimlich schön zu lesen und zu hören, man möchte Donna Tartts Worte niemals vergessen, besonders im letzten Abschnitt am liebsten jeden Satz als Zitat in die Welt schreien. Ein perfektes Buch, das uns zeigt, für das Schöne, für die Kunst zu kämpfen, egal wie viel Zeit oder Kraft es kostet.

Und dann ist da die Handlung. Chaos, Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit. „The Goldfinch“ ist keine schöne Geschichte, oft fühlt er sich gar nicht an, wie eine Geschichte, sondern vielmehr eine Chronik. Wir folgen Theos Leben, Tag für Tag, Woche für Woche. Wir sind an seiner Seite und erleben Wochen voller Langeweile und Stunden, in denen sich die Ereignisse überschlagen. Wir befinden uns mit ihm in einer Abwärtspirale, krabbeln in ihr hoch, versuchen zu entkommen und werden doch wieder eingesogen. Und egal wie nichtig und unbedeutend manche Ereignisse wirken, irgendwie brauchen wir sie doch, irgendwann passen sie ins Bild, tragen zum großen Ganzen bei.

Aber was ist das große Ganze? Worauf läuft all das hinaus? Was ist die Botschaft dieses Kunstwerks? Natürlich möchte ich das hier nicht vorwegnehmen – nur eins: es ist genauso zerrissen wie der Rest dieses Buchs. Zerrissen zwischen dem Wunsch nach Schönheit und der Machtlosigkeit vor der Realität.

Um euch ein bisschen etwas vom Gefühl des Goldfinks mitzugeben, hier einige meiner liebsten Zitate (auch wenn ich wie gesagt hier gerne das ganze Buch niederschreiben würde) und meine Gedanken dazu:

„My head in the rainclouds, my heart in the sky.“

Mein Kopf in den Regenwolken, mein Herz im Himmel.

Der Kopf und das Herz, auf ganz verschiedenen Ebenen, scheinbar unvereinbar. Und doch – wenn das Herz im Himmel ist, folgen wir ihm. Lassen den Kopf im Regen stehen und lieben.

„How can I see so clearly that everything I love or care about is illusion and yet, for me anyway, all that’s worth living for lies in that charm?“

Wie kann ich so klar sehen, dass alles, was ich liebe und was mir wichtig ist, eine Illusion ist und doch, zumindest für mich, liegt alles Lebenswerte in diesem Zauber?

„Every Disney Princess knows the answer: follow your heart. What if you can’t trust your heart?“

Jede Disney Prinzessin kennt die Antwort: folge deinem Herzen. Was, wenn du deinem Herzen nicht trauen kannst?

Da sind sie wieder, der Kopf und das Herz. Die Machtlosigkeit unseres Kopfes, der sich Ordnung wünscht, der den einfachen, den richtigen Weg vor uns sieht. Aber wir betreten ihn nicht. Denn was nützt uns eine gerade Strecke, wenn unser Herz im Labyrinth zurück bleibt. Was bleibt noch von uns, ohne unsere Passionen und Liebe, egal wie falsch sie sind?

„For me, life is catastrophe. No way out, but death.“

Für mich heißt Leben Katastrophe. Kein Ausweg als der Tod.

So düster, dunkel und aussichtslos. Aber auch so wahr. Denn es wird nie nur schön, nur gut sein. Das Schlechte wartet immer früher oder später. Also bleibt nur der Tod? Nein, denn…

„Because, between reality on the one hand and the point where the mind strikes reality, there’s a middle zone, a rainbow edge where beauty comes into being, where two very different surfaces mingle and blur to provide what life does not: and this is the space where all art exists and all magic.“

Denn zwischen der Realität auf der einen Seite und dem Punkt, an dem unsere Vorstellung die Realität trifft, gibt es eine Zwischenzone, den Rand eines Regenbogens, an dem Schönheit beginnt zu entstehen, wo sehr verschiedene Oberflächen sich verbinden und zu etwas verschwimmen, das das Leben uns nicht geben kann: und in diesem Raum existiert die Kunst und jede Magie. 

Diesen wunderschönen Worten kann ich auch nichts mehr hinzufügen, außer: auch wenn „The Goldfinch“ ein sehr langes und nicht immer einfaches Buch ist, hat es so viel Schönheit, so viele inspirierende Gedanken, so perfekte Worte und gleichzeitig so viel Echtheit in sich, dass sie über die Durststrecken und Dunkelheit hinwegtragen. Jeder, der etwas für Kunst empfindet, jeder, der schon einmal einen Fehler gemacht hat, der schon einmal etwas oder jemanden verloren, der schon einmal geliebt hat, wird sich in diesem Buch finden. Und verlieren. Aber das brauchen wir auch manchmal.

Bis bald, Franzi

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