Raus aus der Schublade!

„Deine Reise ist nicht meine Reise“, meint Florian beim Aufruf zu seiner Blogparade zu Reisetypen.  Stimmt. Jeder reist anders, nimmt eine Reise anders wahr und hat andere Gründe und Motive, um zu reisen. Wieso ich reise? Vor allem um rauszukommen. Raus aus dem Alltag, raus aus dem Land, dem Vertrauten und Bekannten. Aber auch raus aus Klischees, Erwartungen und Schubladendenken.

Ich erinnere mich noch lebhaft an meine erste Nacht in den USA. Flug verspätet, ein Tag voller Panik, Stress und Hetze. Gegen drei Uhr nachts kamen wir endlich im Hotel in New York an, in dem meine Au Pair Agentur in den ersten Tagen eine Einführung veranstaltete. Man schlief zu zweit oder dritt mit Au Pairs, die in dieselbe Gegend kommen sollten. Ich öffnete also verschlafen, desorientiert und überfordert die Zimmertür, machte ohne Nachzudenken das Licht an und schaute zwei ziemlich erschrockene und wütende Mädels an. Wir wechselten in dieser Nacht nicht mehr viele Worte, ich fand nur noch heraus, dass sie aus Brasilien und Polen kamen und eine von ihnen – die Polin – ganz in meiner Nähe wohnen würde. Wenig später lag ich im Bett, mit den Tränen kämpfend und dem Gedanken im Kopf: „Mit so Leuten werde ich mich niemals anfreunden können.“ Das gebrochene Englisch, das ungepflegte Aussehen,… Diese ersten paar nächtlichen Minuten hatten mich schon urteilen lassen, das Mädchen irgendwo in einer Schublade verschwinden lassen.

Zwei Paar Schuhe, eine Reise
Zwei Paar Schuhe, aber eine gemeinsame Reise.

Knapp ein Jahr später reise ich mit exakt jenem polnischen Mädchen nach Chicago. Sie ist inzwischen eine meiner besten Freundinnen in den USA geworden. Ein Mensch, dem ich viel zu verdanken habe. Ein Mensch, durch den ich die meisten meiner anderen Freunde hier kennengelernt habe und der fast bei jeder unserer Unternehmung dabei ist. Wir haben schon viele ernste und tiefe Gespräche geführt – über kulturelle Unterschiede, Heimweh und Zukunftsängste – und noch häufiger zusammen gelacht. Trotz gebrochenem Englisch!

Hostelkunst in New Orleans
Hostelpoesie in New Orleans…

Nach Chicago kommt sie übrigens mit dem Fernbus – denn sie hat mehr Zeit als ich, dafür aber kaum Geld – und ich mit dem Flieger aufgrund von Zeitmangel aber eines größeren Budgets. Na und? Unsere Tage im sommerlichen Chicago verbringen wir zusammen, erleben zusammen, schaffen Erinnerungen und teilen Eindrücke. Wir mögen ganz unterschiedliche Menschen sein, aus verschiedenen Ländern kommen, verschiedene Leben haben und verschiedene Arten zu reisen. Aber das Reisen ist es auch, wodurch wir uns kennengelernt haben, uns jetzt austauschen und inspirieren können.

Was ich für ein Reisetyp bin? Gar keiner! Ich reise, um zu reisen. Um Neues zu entdecken und mich immer wieder neu zu entdecken und zu fordern. Ich will beim Reisen keine Erwartungen haben, mich nicht selbst unter den Druck setzen, dass jede Nacht gecampt werden muss oder ich an jedem Ziel einen Mindestbetrag für Souvenirs umsetzen muss. Jede Reise ist anders und mit ihr auch meine Prioritäten.

Sich was gönnen im schicken Hotel
Oder lieber das schicke Hotel in Savannah?

Ich habe schon couchsurfen probiert, war in kleinen und großen Airbnbs, in sauberen und dreckigen Hostels, in billigen und teuren Hotels. Ich habe schon in meiner Unterkunft selbst gekocht – von zuhause mit gebrachte Nudeln – und auch mit Blick auf die Skyline und sündhaft teurer Pasta zu Mittag gegessen. Ich habe schon viele Orte auf der Jagd nach kostenlosen Insidertipps durchkämmt, aber auch schon viel Geld bei den klassischen Touristenhighlights gelassen, „um es mal erlebt zu haben“. Ich war schon an Orten, die auf der Bucketliste fast jeden Reisenden stehen, habe mich aber auch in Ziele verliebt, von denen kaum jemand etwas gehört hat. Ich komme mal im überfüllten öffentlichen Bus (wenn es den denn in den USA gibt), mal im klimatisierten Shuttle von A nach B.

Typisches New York
New York, wie man es kennt…

Manche meiner Reisen sind Monate im Voraus akribisch geplant, während andere auch noch unklar sind, wenn ich schon mittendrin bin. Manchmal schlage ich bei Souvenirs voll zu, meistens erinnern mich nur meine eigenen Bilder an den vergangenen Trip und selten noch nicht mal diese. Mal bin ich die abenteuerlustige und –suchende Reisende. Andere Male bin ich die bequeme Touristin auf der Suche nach Erholung.  All das widerspricht sich, passt zu keinem Reisetyp. Passt in keine Schublade. Denn jede meiner Reisen soll so anders, individuell und besonders sein, wie die Orte, an die sie mich führt. Und da möchte ich mir nicht mit Maßstäben oder Formen im Weg stehen, sondern einfach machen, was mein Bauchgefühl und die Umstände – teils natürlich auch mein Portemonnaie – sagen.

Gleiche Stadt, anderer Blick
Selbe Stadt, anderer Blick…

Für mich gibt es keine guten oder schlechten, keine richtigen oder falschen Reisen. Denn jede Reise, jeder Urlaub, jede Entdeckung bringen mir etwas bei und bringen mich raus. Raus aus meiner Komfortzone, raus aus der Schublade. Und genau da will ich hin – egal in welcher Form.

Bis bald, Franzi

 

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8 Gedanken zu “Raus aus der Schublade!

  1. Verreist man in einer Gruppe, muss man Kompromisse eingehen. Allerdings ist es doch auch nicht schlimm, wenn an einigen Tagen jeder seiner Aktivität nachgeht.

    Zur Erinnerung an die Reisen finde ich es toll, wenn man sich nach einem Jahr – wie ein Jahrestag – die Zeit nimmt um sich Fotos/Videos anzuschauen. Ein wenig in Erinnerungen schwelgen macht Lust auf die nächste Reise.

    Ich habe meine Erfahrungen über meine reisen ebenfalls nieder geschrieben, wenn du Lust hast, dann besuch unser Magazin: http://www.madiba.de/blog/blogparade-reise-typen-deine-reise-ist-nicht-meine-reise/

    LG Daniel

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  2. Hi Franzi,

    vielen Dank für’s Mitmachen. Du hast völlig recht, dass man das Schubladendenken nicht zum Hindernis machen soll.

    Also wenn ich zu etwas nein sagen muss, weil das nicht in „meine Schublade“ passt, dann ist das ziemlich albern ;)

    Andererseits finde ich, was Budget und Aktivitäten angeht, muss es in einer Gruppe schon passen, sonst wird’s schnell alles andere als harmonisch.

    Viele Grüsse,
    Florian

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    1. Danke dir für die tolle Blogparade!

      Ich denke, das kommt auch immer darauf an, mit was für einer Gruppe man reist. Wenn man auch mal Sachen getrennt machen kann und will und darüber offen kommuniziert, ist das denke ich kein großes Problem. Zumindest war es das bei mir noch nie.

      Liebe Grüße, Franzi

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